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Brennpunkt Pharma-Marketing

Wer hinter die Kulissen der Pharmaindustrie schauen will, ist mit den folgenden Büchern hervorragend bedient. Natürlich gibt es inzwischen über 20 "Reports" über die Machenschaften der Pharmaindustrie - die nachfolgende Auswahl und dort speziell die beiden ersten Titel von Markus Grill und Marcia Angell sind aber die am besten recherchierten und zugleich zukunftsweisendsten . denn sie zeigen nicht nur, was schief läuft, sondern beziehen auch Stellung, wie es besser gemacht werden könnte.

Markus Grill: Kranke Geschäfte. Wie die Pharmaindustrie uns manipuliert

Rowohlt 2007; 16,90 EUR, ISBN 978-3498025090

Das Buch von Markus Grill, STERN-Journalist und ausgewiesener Kenner der deutschen Gesundheitspolitik, räumt mit wissenschaftlicher Akribie mit den sorgfältig gepflegten Mythen der Gesundheitspolitikerinnen auf und beweist anhand von Dutzenden von Recherchen, dass die Pharmahersteller der größte Kostentreiber im (deutschen) Gesundheitswesen darstellen und wie sie es zugleich bewerkstelligen, dass die (deutsche) Politik alles nur erdenkliche tut, um sich diesem Problem NICHT zu stellen.

Dort bleibt Grill aber nicht stehen, sondern belegt, wie sehr (fast) jeder niedergelassene Arzt zu einem Rädchen in diesem Netzwerk der Pharmahersteller geworden ist. Dass viele Ärztinnen inzwischen käuflich sind, und gegen Bares bestimmte Medikamente verordnen oder bestimmte Hersteller bevorzugen, ist die Spitze des Eisbergs kranker Geschäfte - und dass das alles zu Lasten des betroffenen Patientinnen, aber auch der Beitragszahlerinnen geht, deren Beitragsanteile für Arzneimittel Jahr für Jahr um mehr als 10% steigen. 

Besonders wohltuend sind die zahlreichen und sorgfältigen Quellenbelege, die nie verloren gehende Blick auf die politische Dimension des Problems und der Verzicht auf auf jede reißerische Pauschalkritik gegenüber Mediziner und Apothekerinnen, die zwar Mitspieler in einem wahrlich kranken System sind, aber dessen marode Struktur nicht geschaffen haben.

Bei der Diagnose Politikversagen (speziell am Standort DE) + krimineller Geschäftspraktiken der Hersteller (nicht nur am Standort DE) bleibt Grill aber nicht stehen. Wertvolle Tipps, wie der einzelne Patient "pharmahörige" Ärzteinnen identifizieren und meiden kann, helfen Pateint und Patientin zumindest Schaden vom eigenen Leib durch Über- oder Falschbehandlungen abzuwenden. Auch Mediziner bekommen eine Menge praktischer Empfehlungen, wie sie sich (wieder) zur Anwältin der Patienten anstatt zur Kostgängerin von Warenanbietern machen können. 

Die "kranken Geschäfte" sind deshalb seit dem Klassiker der "Bitteren Pillen" der wohl kenntnisreichste Pharmareport aus deutschen Federn.

Marcia Angell: Der Pharma-Bluff

Kompart-Verlag; 24,80 EUR, ISBN 978-3980662192

Die Pharmaindustrie rühmt sich, Innovationsmotor des Gesundheitswesens zu sein. Neue Medikamente gelten vielfach als Segen für die Patienten. Doch wie innovativ sind die Arzneimittelhersteller wirklich? Marcia Angell, renommierte Medizinjournalistin, entzaubert am Beispiel USA den Mythos einer Branche. Und erklärt, warum wir nicht länger den Pharma-Bluff mit überhöhten Medikamentenpreisen honorieren sollten.

Die Autorin: Die Medizinerin Marcia Angell, ehemalige Chefredakteurin des New England Journal of Medicine, der weltweit bedeutendsten medizinischen Fachzeitschrift, gilt als anerkannte Expertin des amerikanischen Gesundheitswesens und der medizinischen Ethik. Sie ist Dozentin für Sozialmedizin an der Harvard Medical School in Boston, USA. Das amerikanische Magazin Time zählt sie zu den 25 einflussreichsten Menschen Amerikas.”

Marcia Angell: The Truth about the Drug Companies.

B&T-Verlag; 11,45 EUR (bei Bezug über www.Amazon.de), ISBN 978-0375760945

Englisches Original des „Pharma-Bluffs“ mit dem weit treffenderen Titel „die Wahrheit über die Arzneimittelhersteller“. Wer englisch lesen möchte, kommt zum halben Preis zum immer noch besten Gesamtüberblick über das Geschäftsmodell der Pharmahersteller.

Es gibt zwei neue Bücher von Marcia Angell, bis jetzt leider nur auf Englisch, noch nicht auf Deutsch. Die Besprechungen der Bücher sind erschienen im New York Review of Books. Die Titel der Bücher lauten "the illusion of psychatry" und "epedmic mental illness, why?".

Merrill Goozner: The $ 800 Million Pill: The Truth Behind the Cost of New Drugs

B&T-Verlag; 22,00 EUR (bei Bezug über www.Amazon.de), ISBN 978-0520239456

Die explosionsartige steigenden Arzenimittelpreise werden von allen Herstellern gebetsmühlenartig mit extrem hohen Kosten für die Arzneimittelforschung und -entwicklung begründet. Dieses schon 2004 erschienene Buch geht der Entstehung dieses Mythos nach, identifiziert ihre Protagonisten und legt Rechenschaft ab über die tatsächlichen Leistungen der Arzneimittelhersteller im Bereich Forschung und Entwicklung.

Der ehemalige Leiter der Wirtschaftsredaktion der Chicago Tribune kommt dabei zum Schluss, dass das Gros der Forschungsleistungen nach wie vor durch die öffentliche Hand finanziert wird und die hohen Arzneimittelpreise durch nichts gerechtfertig sind außer dem Hunger der Aktionäre nach immer höheren Gewinnen durch scheinbar grenzenlos steigende Arzneimittelpreise.

Gesundheitspolitik allgemein

Nikolaus Nützel: Gesundheitspolitik ohne Rezept

DTV-Verlag (2007); 14,90 EUR, ISBN 978-3-423-24614-9

Auch dieses 220-Seiten-Papierback hebt sich wohltuend von den inzwischen Dutzenden „Skandalreports“ à la "Heilen verboten, Töten erlaubt" über das deutsche Gesundheitswesen ab. Es stellt ab auf die Probleme tief im Getriebe des Systems - genauer gesagt auf die politischen Mängel und Defizite im Gesundheitssystem und seiner so genannten Selbstverwaltung.

So wird auch die Alltags-Kriminalität im deutschen Gesundheitswesen zu dem, was sie ist: zum Versagen elementarer Kontrollmechanismen, die es Ärzten, aber auch Patientinnen leicht macht, sich das zu holen, was einem angeblich zusteht.

Auch bei den weiteren Themen vom Sinken ärztlicher Einkommen, über das Funktionieren (oder Nichtfunktionieren) der gesetzlichen Krankenversicherung bis hin zum Nonsens der deutschen Disease management Programme beweist der Redakteur des Bayerischen Rundfunks seine zum Teil intimen Kenntnisse über das deutsche Gesundheitswesen.

Kompliziert geraten und im Detail sicher nicht für jeden konsensfähig sind die Einlassungen über die gesamtwirtschaftlichen Steuerungsmechanismen der Gesetzlichen Krankenversicherung - was aber nichts ändert an der Substanz dieses Buches, das in der Kakophonie der deutschen Gesundheitspublizistik leider viel zu wenig Beachtung gefunden hat.

Doris A. Zimmermann:
Entwicklungstendenzen im Gesundheitswesen

VAS (2008); 28,00 EUR, ISBN 978-388864-453-4

Anders als der vielleicht trockene Titel vermuten lässt, ist eine spannende Lektüre zu erwarten: „Es werden aus sozialwissenschaftlicher Sicht die Probleme der Ökonomisierung und Privatisierung von gesundheitlichen Dienstleistungen sowie deren Treiber und Akteure beleuchtet. Aus Sicht der Beschäftigten im Gesundheitswesen und aus Sicht der Patienten werden mögliche Folgen sowie Gefahren und soziale Kosten aufgezeigt.

Die ermutigende Botschaft: Es geht auch anders. Zu den vermeintlichen Sachzwängen gibt es Alternativen und bisher nicht ausgeschöpfte Gestaltungschancen.“ Wir haben besonders ins Kapitel „Vermeidung und Bekämpfung von Korruption und Betrug“ geschaut. Dort werden der Einflussder Pharmaindustrie und ärztliches Handeln untersucht. Als ein Beispiel, dass es auch anders geht, wird MEZIS vorgestellt. Dem Fazit schließen wir uns gern an: „Bleibt zu hoffen, dass viele weitere Ärzte den Grundsätzen der Initiative folgen und MEZIS unterstützen.“

Claudia Wild/Brigitte Piso (Hrsg.):
Zahlenspiele in der Medizin. Eine kritische Analyse

Orac (2010); 19,90 EUR, 223 Seiten, Bestellnr. 15647

Brisant! Wie die Medizin mit Zahlen jongliert und damit gute Geschäfte macht. Wer profitiert von der Schweinegrippe-Impfung oder der Angst vor Krebs? Möglicherweise einige, die sich impfen lassen, zu Vorsorgeuntersuchungen gehen oder Medikamente einnehmen. Aber auch, natürlich, die (Pharma-)Industrie. Je größer die Angst und je größer der Glaube an die Allmacht der Medizin, umso mehr steigen die Umsätze.

Prof. Dr. med. Arthur Teuscher:

Diabetes Hypoglykämien "Es trifft mich wie der Blitz..."
Natürliche Insuline kontra synthetische Insuline - der ungelöste Konflikt

Books on Demand (2010); 18,80 EUR, 212 Seiten, ISBN 978-3-8334-7187-2

In den 80er Jahren wurden zahlreiche Patienten mit Diabetes Typ 1 auf Humaninsulin umgestellt. Zunächst als medizinischer Durchbruch gefeiert, stellte sich bald heraus, dass dieses synthetische, gentechnisch hergestellte Insulin bei einigen Patienten zu schweren Nebenwirkungen führte. Menschen, die mit tierischem Insulin ein nahezu beschwerdefreies Leben geführt hatten, konnten nach der Umstellung auf Humaninsulin die Symptome einer Hypoglykämie - eines gefährlichen Zustands der Unterzuckerung - nur noch schwach oder gar nicht mehr wahrnehmen. Zu den möglichen Folgen gehören Kontrollverlust, Lähmungen und Bewußtlosigkeit, die besonders durch ihr plötzliches Auftreten lebensbedrohlich sein können. Obwohl die Pharmaindustrie von diesen Risiken weiß, wird Humaninsulin massiv beworben, während tierische Insuline mehr und mehr vom Markt verschwinden. Viele Patienten und sogar Ärzte sind sich der Gefahren nicht bewußt. Dieses Buch klärt über die Risiken des Humaninsulins auf und bietet Patienten damit die Chance zu wählen, welche Therapie ihnen ein angenehmes und selbstbestimmtes Leben trotz Diabetes ermöglicht. Ein hilfreicher Ratgeber für Betroffene, für alle anderen ein aufschlussreiches Buch über die Macht der Arzneimittelindustrie. 

Prof. Dr. med. Arthur Teuscher ist führender Diabetologe und Gründer der Stiftung Ernährung und Diabetes in Bern. In seiner über 50jährigen Tätigkeit als Arzt und Wissenschaftler hat er zahlreiche Fälle von gefährlichen Hypoglykämien unter Humaninsulin aufgezeichnet und Untersuchungen zu den Wirkweisen von synthetischem Insulin durchgeführt. Seit vielen Jahren kämpft Prof. Teuscher für die Erhaltung natürlicher tierischer Insuline.

Studie

Cover von 'Drugs, Doctors und Dinners'Geschenke und Essenseinladungen für Ärztinnen und Irreführende Beeinflussung von Verbauchern nur bei uns ein Problem? Weit gefehlt: in den Entwicklungs- und Schwellenländern wie Indien und China wächst der Arzneimittelkonsum noch viel stärker als bei uns. Dass aggressives und verantwortungsloses Pharmamarketing dabei entscheidende Hilfe leistet, versteht sich für die Pharmaindustrie von selbst. Lesen Sie "Drugs, Doctors und Dinners" (Studie als PDF), ein aktuelles Dossier der internationalen Verbraucherschutzorganisation Consumers International.